DIE IDEE
KULTUREN VERBINDEN

Seit 1996 haben in Caux Tagungen zum Thema Agenda für Versöhnung stattgefunden. Daraus wurde bald eine fortwährende Initiative. Mehr dazu in englischer Sprache....

Interkulturelle Gespräche

Kurz vor Ende dieses Jahrhunderts kommt immer wieder die Frage nach Grundlagen und Werten für das Kommende auf. Ein Dialog zwischen Vertretern verschiedener Religionen war 1996 dem Thema Zukunft gestalten - sich auf das 21. Jahrhundert vorbereiten gewidmet. Kardinal Franz König aus Wien, Pfarrer Heinrich Rusterholz, der Präsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes, und Rabbiner Marc Gopin, Professor an der George-Mason-Universität in Washington D.C. und der Dalai Lama aus Tibet nahmen daran teil.

(Der nachfolgende Bericht stammt aus CAUX-Information Nr. 8-10 / 96)

Gar nicht leicht, aber höchst interessant - dieser Versuch, Kirchenvertreter, Wissenschaftler, Industrielle, Journalisten und Philosophen dazu zu bringen, sich konkret über die Zukunft zu äussern! Interessant wurde es auf jeden Fall, besonders auch für die zahlreich anwesenden Jugendlichen und jungen Berufstätigen, die ja den grösseren Teil ihres Lebens im kommenden Jahrhundert verbringen werden. Eine ganze Anzahl von ihnen - aus 12 Ländern - hatte das Programm der vier Tage vor dem Dialog als innere Vorbereitungszeit gestaltet. Der erste Tag galt der Stille, dem Zuhören und Hören - auf das Gewissen, auf die Nächsten, auf Gott. Die folgenden drei Tage gaben allen Anwesenden die Gelegenheit, sich Gedanken zu machen über "Hoffnungen und Ängste", "Woran ich mich klammere", "Die Familie: wo Tränen und Lachen geboren werden".

Neue Formen

Die Progression der Themen sollte allen die Möglichkeit zur inneren Erneuerung bieten; diese wiederum sollte zu einer besseren Aufnahmefähigkeit während der Podiumsgespräche und zu einer besseren Umsetzung der dort angebotenen Gedanken in den Alltag führen. Der Tagesablauf war daher absichtlich mit viel Stille, Musik, Poesie, Multimedien-Darbietungen, spontanem Gedankenaustausch in kleineren Gruppen und interaktiven Versammlungen gestaltet. Der Wunsch der jungen Veranstalter dieses Abschnitts, dass aus der Vielzahl von zeitweise über 600 internationalen Teilnehmern eine Erfahrungs- und Lerngemeinschaft werde, ging denn auch grösstenteils in Erfüllung.

Ungelöste Rätsel

Im ersten Podiumsgespräch "Nicht vom Brot allein" unterhielten sich Kardinal Franz König aus Wien, Pfarrer Heinrich Rusterholz, der Präsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes, und Rabbiner Marc Gopin, Professor an der George-Mason-Universität in Washington D.C. mit dem Dalai Lama aus Tibet. Der Wiener Alterzbischof erinnerte daran, dass Freud noch der Ansicht gewesen sei, bei der Religion handle es sich um eine neurotische Erscheinung. Seine heutigen Nachfahren seien anderer Meinung. Letztlich komme man nicht um die Feststellung herum, dass die Menschen von den verschiedenen Religionen Antworten auf die ungelösten Rätsel erwarten, "auf die Frage nach Sinn und Ziel unserer Existenz, die wie von je die Herzen der Menschen am tiefsten bewegt". Einsteins Worte zitierend: "Die grösste Gefahr ist nicht die Atombombe, sondern das menschliche Herz", warnte der Kardinal, die grösste Gefahr liege darin, dass der Mensch mit seinem technologischen Fortschritt die Welt zerstören könnte. Beinahe alles hänge also von einer Umkehr in unserem Herzen und Denken ab.

Pfarrer Rusterholz räumte ein, die Christen hätten die Welt positiv und negativ beeinflusst, und rief sie auf, "mit Menschen anderer Religionen und all denen, die guten Willens sind, in einem Geist des gegenseitigen Verstehens zusammenzuarbeiten." Er betonte, es sei "lebenswichtig für uns, auf einer tieferen Ebene mit dem Islam in einen gesunden Dialog zu treten, ansonsten werden wir die Nöte der gegenwärtigen Generation nicht beantworten".

Die verlorenen Vettern

Rabbiner Gopin sieht die geistig-geistliche Entdeckung anderer Glaubensbekenntnisse als "die grösste Veränderung des 21. Jahrhunderts" voraus: "Manche werden darin eine Bedrohung ihrer Identität sehen, andere eine Vervollständigung ihrer Identität, wie das Wiederfinden von verlorenen Vettern und deren Welt. Dieses Wiederfinden und Entdecken erlebe ich immer wieder über meine religiöse Tradition hinaus, bei den Christen, den Buddhisten, den Muslimen." Dieses Entdecken setze aber Demut voraus. In diesem Zusammenhang zitierte er Mahatma Gandhi: "Der Sucher nach der Wahrheit sollte bescheidener sein als Staub; das ist der Schlüssel, um andere zu entdecken und Frieden zu schaffen."

Auch Dr. Milowit Kuninski vom philosophischen Institut der Jagiellonen-Universität in Krakau meinte, Gemeinschaft, Beziehungen, Dialog seien im Aufkommen und seien unerlässlich für das nächste Jahrhundert. Dies brauche aber keineswegs zu einem Identitätsverlust zu führen, wie manche befürchten. "Denn ein echtes Verständnis und Wissen über die eigene Kultur fördert das kreative Interesse für andere Kulturen und führt schliesslich zum Verständnis für die geistige Quelle, aus der alle Kulturen und Religionen fliessen" fuhr er fort. Er schloss mit einer ehrlichen und treffenden Analyse der Beziehungen in seinem Land zwischen Polen und Juden in diesem Jahrhundert.

Aufruf zum Gleichgewicht

Der Dalai Lama unterstrich ebenfalls, dass das Bewusstsein der eigenen Identität andere nicht zu bedrohen braucht. "Dieses Jahrhundert ist ein Jahrhundert der Kriege und des Blutvergiessens gewesen; das nächste soll ein Jahrhundert des Dialogs werden", fasste er zusammen. Er stelle eine Reihe hoffnunggebender Entwicklungen fest: die Verbesserung des allgemeinen Lebensstandards, das zunehmende Interesse für Gewaltlosigkeit, das wachsende Gerechtigkeitsbewusstsein und verbreiterte Akzeptanz und Interesse für die geistig/geistliche Dimension in der Wissenschaft. Es gebe keine Garantie für die Zukunft, aber schon unser jetziges Überleben hänge von der Hoffnung ab. Sie erhalte den Geist lebendig. Mit verschwindender Hoffnung verschwinden auch die Überzeugungen und der Wille durchzuhalten.

Er rief auf zum Gleichgewicht zwischen Intellekt und Spiritualität: " Die materiellen und geistlichen Entwicklungen müssen im nächsten Jahrhundert verbunden werden." Er betonte die Wichtigkeit universeller Werte wie Mitgefühl, Vergebung, Fürsorge und Liebe. Die Ära des "wir und jene anderen" gehe ihrem Ende entgegen; dies bedeute, jeder Mensch solle in seiner Identität und Andersartigkeit geschätzt werden. Er spreche als normaler Mensch in der heutigen Welt, nicht speziell als Buddhist, und wolle hervorheben, dass alle Menschen in ihrer Suche nach dem Lebenssinn gleich seien. Wie um seine natürliche Fröhlichkeit zu illustrieren, näherte sich ihm mitten in seinen Ausführungen ein kleines Kind und nahm ihm eine Sandale vom Fuss, was bei ihm und im Publikum ein herzliches Lachen auslöste.

Als wesentliches Element für das nächste Jahrhundert betonte der Dalai Lama die Notwendigkeit eines respektvollen Gesprächs zwischen den Religionen. So wünsche er sich vermehrte Treffen unter geistlichen Führern, wie jenes, das der Papst in Assisi einberufen hatte.

Auch Treffen unter Praktizierenden der verschiedenen Traditionen, gemeinsames Beten oder zumindest gemeinsames Stillwerden seien wichtig. Der Dalai Lama meinte, das Konferenzzentrum in Caux könnte in Zukunft vermehrt für solche Treffen dienen.

Marianne Spreng